Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Breitscheidplatz gehört zu den bekanntesten Wahrzeichen Berlins. Die im Krieg zerstörte Turmruine, im Volksmund „Hohler Zahn“ genannt, steht neben Egon Eiermanns moderner Kirche von 1961 mit ihren blauen Glaswänden.
- Alte Kirche von Franz Schwechten errichtet, Bauzeit 1891 bis 1895, Turm damals 113 Meter hoch
- 1943 schwer beschädigt, die Turmruine blieb als Erinnerungszeichen stehen
- Neubau 1959-1961 von Egon Eiermann, bekannt für die blauen Glaswände aus Chartres
- Stalingradmadonna von Kurt Reuber als Zeichen der Versöhnung in der Kapelle
- Täglich 3.000 bis 10.000 Besucher, fast die Hälfte davon aus dem Ausland
Auf dem Breitscheidplatz im Berliner Westen stehen zwei Kirchen nebeneinander, die zusammengehören: die zerstörte Turmruine aus dem 19. Jahrhundert und der moderne Neubau von Egon Eiermann. Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zählt zu den bekanntesten Wahrzeichen der Hauptstadt und gehört zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Berlins.
Ein neoromanischer Prachtbau
Im Auftrag Kaiser Wilhelms II. errichtete der Architekt Franz Schwechten die Kirche zwischen 1891 und 1895 zum Gedenken an dessen Großvater Kaiser Wilhelm I. Schwechten, selbst in Köln geboren, ließ sich von romanischen Bauten am Rhein inspirieren; die Zahl der Türme griff Motive des Bonner Münsters auf, der Chor orientierte sich an der mittelalterlichen Marienkirche im hessischen Gelnhausen. Für die Fassade verwendete er sogar Tuff aus der Eifel, obwohl das Material in Brandenburg völlig unüblich war. Der Hauptturm erreichte 113 Meter und war damals der höchste Turm der eigenständigen Stadt Charlottenburg. Finanziert wurde der rund 6,8-Millionen-Mark-Bau überwiegend durch private Spenden und Zuschüsse der deutschen Einzelstaaten, die kaiserliche Familie selbst trug kaum etwas bei.
Im Inneren schmückten insgesamt 2.740 Quadratmeter Glasmosaike die Wände und Gewölbe, geschaffen in der Werkstatt Puhl & Wagner nach Vorlagen von Hermann Schaper und Ernst Christian Pfannschmidt. Auch die Glocken waren bemerkenswert: Das fünfstimmige Geläut übertraf an Größe und Gewicht nur das des Kölner Doms.
Zerstörung und Streit um den Wiederaufbau
Beim britischen Luftangriff in der Nacht zum 23. November 1943 fing die Kirche Feuer. Der Dachstuhl über dem Kirchenschiff stürzte ein, die Spitze des Hauptturms knickte ab. Die Siegermächte taten sich nach dem Krieg schwer mit einem originalgetreuen Wiederaufbau, spiegelte das Gebäude doch auch wilhelminischen Nationalstolz wider. Der einsturzgefährdete Chor fiel erst 1956 der Abrissbirne zum Opfer.
Den Architektenwettbewerb für den Neubau entschied 1957 Egon Eiermann für sich, sein ursprünglicher Plan sah vor, die Ruine vollständig zu beseitigen. Diese Pläne lösten eine leidenschaftliche öffentliche Debatte aus, die mit einem widerstrebend akzeptierten Kompromiss endete: Der Rumpf des alten, 71 Meter hohen Hauptturms blieb als Zeichen der Erinnerung an den Krieg stehen, umgeben von einem vierteiligen Bauensemble aus Kirchenschiff, Glockenturm, Foyer und Kapelle. Am 17. Dezember 1961 weihte Landesbischof Otto Dibelius die fertige Kirche ein.
Die blauen Glaswände
Charakteristisch für die neuen Gebäude sind die gerasterten Wände aus mehr als 20.000 einzelnen Glasfenstern. Ihr Entwerfer war der französische Glaskünstler Gabriel Loire, der zu dieser Zeit bereits für rund 400 Kirchen allein in Frankreich Glaswände geschaffen und in seiner Werkstatt in der Stadt Chartres vorbereitet hatte. Besonders starkes, farbiges Glas wurde in unregelmäßige Teile zerschlagen und in Betongitter eingefügt, wobei das einfallende Licht an den Bruchflächen zusätzlich gebrochen wird. Für das Ultramarinblau ließ sich Loire von einem berühmten Fenster der Kathedrale von Chartres inspirieren, dem sogenannten Jessebaum. Erst ab vier Metern Höhe beginnen die blauen Wände, damit niemand geblendet wird.
Gedenkhalle und Stalingradmadonna
Zur 750-Jahr-Feier Berlins verwandelte man die ehemalige Eingangshalle der alten Kirche am 7. Januar 1987 in eine Gedenkhalle. Zentrales Exponat ist das Nagelkreuz von Coventry, geformt aus Nägeln verbrannter Dachbalken der englischen Kathedrale, die 1940 bei deutschen Luftangriffen zerstört wurde. In der Kapelle der neuen Kirche hängt die Stalingradmadonna, eine Zeichnung, die der Wehrmachtsarzt Kurt Reuber zu Weihnachten 1942 während der Schlacht von Stalingrad anfertigte. Daneben hängt eine Ikone als Geste der Versöhnung, gestiftet von einer Kirche im heutigen Wolgograd.
Tipps für deinen Besuch
Die neue Kirche ist montags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr frei zugänglich, außer während Gottesdiensten und Konzerten (Stand Oktober 2026). Die Kirche liegt direkt auf dem Breitscheidplatz im Zentrum der City West. Der Berliner Zoo mit Affenhaus und Pandagarten ist in rund 300 bis 400 Metern erreichbar, ebenso das Aquarium Berlin, die Helmut Newton Stiftung und C/O Berlin.
Häufige Fragen
Warum heißt die Kirche im Volksmund „Hohler Zahn“?
Nach der schweren Beschädigung im Luftangriff vom 22./23. November 1943 ließ man den Rumpf des alten Hauptturms, immerhin noch 71 Meter hoch, bewusst als Zeichen der Erinnerung stehen. Ihre zerklüftete Form erinnerte die Berliner an einen hohlen Zahn, daher der Name. Das neue achteckige Kirchenschiff und der Glockenturm heißen im Volksmund „Lippenstift und Puderdose“.
Was hat es mit dem blauen Licht in der neuen Kirche auf sich?
Mehr als 20.000 einzelne Glasfenster bilden die Wände der neuen Gebäude, geschaffen vom französischen Künstler Gabriel Loire in seiner Werkstatt in der Stadt Chartres. Für das Ultramarinblau ließ er sich von einem berühmten Fenster der dortigen Kathedrale inspirieren. Erst ab vier Metern Höhe beginnen die blauen Wände, damit niemand geblendet wird.
Ist der Eintritt in die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche kostenlos?
Ja, die neue Kirche ist montags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr frei zugänglich, außer während Gottesdiensten, Andachten und Konzerten (Stand Oktober 2026). Die Kapelle ist nur bei Veranstaltungen geöffnet.
Was ist die Stalingradmadonna?
Diese Zeichnung mit dem Titel Madonna von Stalingrad fertigte der Arzt Kurt Reuber während der Schlacht von Stalingrad zu Weihnachten 1942 an. Sie hängt in der Kapelle, direkt neben einer Ikone, die eine Kirche aus Wolgograd, dem früheren Stalingrad, als Geste der Versöhnung gestiftet hat.
Kann ich die Gedenkhalle in der Turmruine besuchen?
Die ehemalige Eingangshalle wurde 1987 zur Gedenkhalle umgestaltet, in der unter anderem das Nagelkreuz von Coventry als Versöhnungszeichen zu sehen ist. Ab dem 29. August 2026 schließt die Ausstellung dort wegen Renovierungsmaßnahmen, Besichtigungen des gesamten Kirchenensembles bleiben aber weiterhin möglich (Stand Oktober 2026).
Quellen: de.wikipedia.org, gedaechtniskirche-berlin.de
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